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Hier finden Sie die Infos aus dem Podcast zum Thema Fieber auf www.gewuenschtestes-Wunschkind.de. In 23 Jahren Erfahrung mit fiebernden Kindern in der Kinder- und Jugendärztlichen Praxis habe ich ein paar Sätze für Eltern geformt und immer wieder überprüft, die ich "Dr. Dernicks Daumenregeln" nenne. Sie sind wie Sprichwörter zu verstehen, die eben (fast!) immer zutreffen.Das Sprichwort "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu" stimmt zwar praktisch immer, aber sicher gibt es auch mal sehr selten Situationen, wo der Satz nicht passt. Als eine solche sprichwortähnliche Orientierungshilfe sind Dr. Dernicks Daumenregeln gedacht. 

Fieber ist der Wachhund

Welche Funktion hat Fieber?

Fieber ist der Wachhund des Körpers, die die Angreifer (in der Regel Viren, selten Bakterien) durch seine Aktivität "wegbellt". Fieber beschleunigt alle Funktionen des Immunsystems. Und es führt zu einer sehr sinnvollen Verhaltensänderung, die "sickness behavior" genannt wird: das Kind wird ruhiger, sucht Sicherheit und Schutz, zieht sich zurück. Dadurch kann der Körper seine Kräfte auf die Immunantwort konzentrieren. 

Ist Fieber über 40 Grad nicht gefährlich?

Nein. Sehr hohes Fieber kann ein Hinweis auf eine schwerwiegende Erkrankung sein, aber das Problem ist dann die Erkrankung und nicht das Fieber, das darauf hinweist. Wenn der Wachhund ganz ungewöhnlich laut anschlägt, sollte man schon nachgucken, was los ist und notfalls auch die Polizei  rufen (bzw. mit dem Kind zum Arzt gehen). Aber kein Mensch würde dem Wachhund das Maul stopfen, wenn er stark anschlägt. Früher dachte man, dass die Enzym-Eiweiße im Körper bei 42 Grad gerinnen und Fieber über 42 Grad tödlich ist. Das stimmt im Reagenzglas, aber nicht im Körper. Wenn der Körper selbst das Fieber bildet, werden gleichzeitig so genannte "Hitzeschockproteine" gebildet, die die wichtigen Enzymeiweiße im Körper stabilisieren. Ich habe drei Kinder erlebt, die Temperaturen deutlich über 42 Grad hatten und denen nichts passiert ist. Dennoch würde ich bei meinem eigenen Kind die Temperatur ab 41,5 vielleicht doch senken. Aber derart hohe Temperaturen sind extrem selten, meist steigt das Fieber nicht über 41 Grad an.

Ab wann sollte man bei Fieber zum Arzt gehen?

Als Anhaltspunkte kann man nehmen: in den ersten 3 Monaten immer innerhalb von 24 Stunden, bei sehr schlappen und trinkschwachen kleinen Babys auch sofort – und dann auch in der Nacht. Im ersten Lebensjahr bei Fieber OHNE Symptome immer zum Arzt und einen Urin untersuchen lassen. Mit typischen Virusinfektzeichen (Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Halsweh, Durchfall) kann man vor allem nach dem ersten Lebensjahr gerne 72 Stunden abwarten. Fast alle Fieberepisoden sind durch Virusinfekte bedingt, die nach gut drei Tagen von sich aus vorbei sind oder einen Tag Fieberpause einlegen. Oft kommen die Eltern zu früh, wenn sie schon AM dritten Tag kommen. Generell sollte der Arzt aufgesucht werden, wenn sich das Kind GANZ anders als sonst beim Fieber oder Infekt verhält. Beim ersten Fieber wird man also in der Regel den Arzt aufsuchen, danach weiß man ja, wie sich das Kind "normalerweise" beim Fieber verhält und muss dann nur noch gehen, wenn es bei Fieber mal viel schlapper ist als sonst bei Infekten.

Drei Tage Fieber sind ab Sonntag erst am Donnerstag vorbei

Nicht "am dritten Tag Fieber" sondern "NACH drei Tagen Fieber" zum Arzt

Hier sehen Sie den typischen Verlauf eines Virusinfektes in 2 Schüben von je drei Tagen mit einem Tag "Fieberpause" in der Mitte. Viele Eltern gehen "zu früh" zum Arzt. Für die gestressten Eltern ist am Dienstag Morgen schon der "dritte Tag", wenn das Kind am Sonntag Abend zu fiebern beginnt. Typischerweise endet der erste Fieberschub aber nach gut 72 Stunden (3 Tage und die folgende Nacht, also von Sonntag Abend auf Montag, auf Dienstag -auf Mittwoch plus die Nacht). Wenn das Kind also am Sonntag Abend zu fiebern beginnt und typische Infektzeichen hat, muss man eigentlich erst zum Arzt, wenn das Kind am Donnerstag noch Fieber haben sollte. Manchmal dauert der erste Schub auch nur ein bis zwei Tage. Eltern sollten darauf achten, dass ihr Kind spätestens nach 72-96 Stunden einen Tag Fieberpause hat. Das Beachten dieser Regel kann einen Großteil der Arztbesuche wegen Infekten überflüssig machen

Kann Fieber ein Fall für die Rettungsstelle sein?

Ja, wenn Fieber zum Beispiel mit diesen Symptomen einhergeht ist es ein Notfall:

  • Bewusstseinstrübung
  •  Anhaltendes, mehrfaches Erbrechen und ganz schlappes Kind mit starken Schmerzen, Nackensteife und/oder Hautblutungen (Zeichen für Hinrhautentzündung)
  • Starke Schmerzen im Bauch, so dass das Kind nicht laufen kann vor Schmerzen.
  • Atemnot (das Kind atmet sehr schwer, verhält sich ganz ruhig).

Wenn man keine Gelegenheit hat, selbst mit dem Kind zum Arzt oder Notdienst zu fahren, kann man "ausnahmsweise" auch die 112 rufen. Aber nicht bei einem normalen fieberhaften Infekt.

Wie kann man sein Kind beim Fiebern unterstützen? Welche Maßnahmen sind sinnvoll?

Zur Entspannung bringen, schmusen, streicheln, am besten:  Vorlesen. Der Vagusnerv, der bei Entspannung aktiviert wird, regelt auch Entzündung auf das notwendige Maß herunter und verbessert die Darmdurchblutung, wo der größte Teil des Immunsystems sitzt. Bei WARMEN Händen und Füßen können lau(!)warme Wadenwickel angenehm sein, auch ein kaltes oder warmes Tuch auf der Stirn kann hilfreich sein. Die Frage ist nicht: „Was ist am Besten?“, sondern: „Was tut meinem Kind gut?". Zu-Wendung ist die beste Medizin.

 

 

Auch Biber haben Fieber -
und können das selbst regulieren

Welche Hausmittel sind geeignet, um Fieber zu senken?

Gegenfrage: Warum könnte man auf die Idee kommen, Fieber zu senken?? Alle Säugetiere und viele andere Lebewesen erhöhen ihre Körpertemperatur, um besser und schneller mit Erregern fertig zu werden – sogar die gemeine Gartenbohne erhöht ihre Blatttemperatur, wenn sie von Schädlingen befallen ist. Bei Nagern wie Kaninchen hat man nachgewiesen, dass sie bei 40 Grad bis zu 200 Mal schneller mit (Polio-) Viren fertig werden als bei Normaltemperatur. Nur die Spezies homo sapiens, die sich selbst für so superschlau hält, senkt die Temperatur und bringt sich damit um viele Vorteile.

Eine Studie an Erwachsenen zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Blutvergiftung zu überleben mit der Höhe des Fieber bei Aufnahme in Verbindung stand. Je höher die Temperatur, desto höher die Überlebenswahrscheinlichkeit.  Eine andere Untersuchung zeigte, dass man schneller von Windpocken gesund wird, wenn man auf die Gabe von Paracetamol verzichtet. Seit 23 Jahren suche ich eine Untersuchung, die belegt, dass die Gabe von Ibuprofen oder Paracetamol irgendwelche positiven Effekte auf den Krankheitsverlauf hat – und finde keine. 

Was ist der Unterschied zwischen Paracetamol und Ibuprofen?

Paracetamol lindert bei den meisten Kindern die Schmerzen schlechter als Ibuprofen, ist aber schon in den ersten 6 Monaten zugelassen. Ibuprofen lindert bei den meisten Kindern Schmerzen besser, könnte die Neigung zu blutenden Magengeschwüren verstärken. Da Kinder hier wenig anfällig sind, spielt das aber im Alltag keine Rolle. Paracetamol ist bei der Verdopplung der Dosis eventuell schon tödlich, daher sollte man sich hier STRIKT an die Dosierungsempfehlungen halten. Ibuprofen ist bei Schmerzen das Mittel des Wahl. Fieber senken tun sie leider beide, aber das ist ja nicht das, was wir wollen, daher steht auf der Packung ja immer „bei Fieber UND Schmerzen“.

Wie erkennt man eine Austrocknung?

Das Kind ist sehr schlapp und spielt nicht mehr. Alle Kinder, die ich in der Praxis aus der Spielecke holen muss, sind nicht ausgetrocknet. Bei Austrocknung ist die Zunge  ganz trocken, der Lidschlag selten, beim Weinen fließen keine Tränen mehr, bei extremen Formen bleiben auch die Bauchhautfalten stehen, wenn man sie hochzieht, das habe ich in der Praxis vielleicht 3x in 23 Jahren erlebt. Ab 5 % Flüssigkeitsverlust spart der Körper Spucke, Tränen und Urin ein, erst ab 10% muss man an die Infusion. 

Was ist ein Fieberkrampf? Wie soll man bei einem solchen Krampt handeln?

Ein Fieberkrampf ist ein plötzlicher Bewusstseinsverlust des Kindes, es verdreht die Augen, wird ganz schlapp und zuckt manchmal heftig, wird manchmal auch blau und röchelt. Die Eltern denken, das Kind stirbt, daher rufen Sie die 112, und das ist richtig so. Bis die Retter da sind, ist der Spuk aber in der Regel wieder vorbei, dennoch sollte das Kind danach für bestimmte Untersuchungen im Krankenhaus überwacht werden. Wenn alle Untersuchungen ok sind und sich herausstellt, dass es wirklich „nur“ ein Fieberkrampf war (und nicht etwa ein epileptischer Anfall als erstes Zeichen einer Hirnhautentzündung) kann man sicher sagen, dass das für das Kind unschädlich war – nur die Eltern behalten einen Schreck fürs Leben zurück. Das ist ungefähr so, wie wenn der Zweijährige sich losreißt, auf die Straße rennt und der Zwölftonner-LKW einen Meter vor dem Kind zum Stehen kommt. Medizinisch gesehen ist dem Kind nichts passiert, aber die Eltern werden das ihren Lebtag nicht vergessen.

WICHTIG: Fieberkrämpfe können durch Fiebersenkung leider NICHT verhindert werden. In einer großen, systematischen Untersuchung dazu war das Risiko eines Fieberkrampfes in der Fiebersenkungsgruppe sogar erhöht, der Unterschied war aber nicht „statistisch signifikant“. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass eine Fieberkrampf nicht von der HÖHE der Temperatur abhängt, sondern am ehesten bei raschen Temperaturschwankungen auftritt, wie zum Beispiel dem Temperaturanstieg, der auf die Fiebersenkung folgt.

Was müssen Eltern zu Affektkrämpfen wissen?

Also, wenn das Kind zum Beispiel bei plötzlichem Schmerzen (weil ihm was auf den Fuß gefallen ist) die Luft anhält statt zu schreien? GELASSENHEIT. Der Hirnstamm reguliert seit Jahrmillionen die Atem- und Herztätigkeit und lässt sich durch so was nicht aus der Ruhe bringen. Selbst wenn das Kind beim Luftanhalten mal aus Versehen mit der Atmung aussetzt besteht keine Gefahr. Entweder das Kind fängt von alleine an zu atmen oder es wird kurz bewusstlos, dann nimmt der Hirnstamm seine Arbeit auf und setzt Kreislauf und Atmung wieder in Gang. So wie beim Fieberkrampf übrigens auch. Gelegentlich können auch beim Affektkrampf ein paar Zuckungen auftreten. Relax! Wir haben unsere Kinder immer angepustet, wenn wir merkten, dass ein Affektkrampf im Anmarsch war. Damit konnten wir das oft verhindern. Wenn das öfter in der Situation „ich will das jetzt aber haben!!!!!!“ passiert, würde ich das Buch vom gewünschtesten Wunschkind empfehlen.

Was sollte man über den Nachtschreck wissen?

Das fand ich bei einer unserer Töchter besonders belastend: Das Kleinkind wacht nachts auf, weint, lässt sich nicht beruhigen und wenn man es versucht hochzunehmen hat man den Eindruck, dass es einen für ein schlimmes Traummonster hält, dass das Kind fressen will. Am nächsten Morgen weiß das Kind von nichts und kann sich auch an keinen Traum erinnern. Das Ganze tritt so in Clustern auf, mal paar Nächte hintereinander, dann wieder paar Wochen Ruhe. Wir haben uns damals gefragt, ob das Kind durch irgendwas belastet ist, aber da war nichts zu erkennen, irgendwann haben wir Gelassenheit dabei gelernt und irgendwann hat es aufgehört. 

Wie erkennt man Pseudo-Krupp? Wie geht man damit um?

Noch so ein Elternschreck, der für die Kinder meist harmlos, aber durchaus unangenehm ist. Das Kind wird nachts wach, hustet bellend und laut wie ein Hund im Müllcontainer und zieht beim Einatmen hörbar die Luft ein, ist aber auch heiser, wenn es versucht, zu Weinen. Beim ersten Mal rasen viele Eltern mit 160 km/h durch die Stadt und gefährden sich und andere. Die kalte Nachtluft lässt den Kehlkopf abschwellen, die Eltern entspannen sich in der Erwartung naher Rettung und in der Notfallambulanz sitzt das Kind ganz entspannt da und hat noch ein wenig Heiserkeit – bis der Arzt kommt und das Kind wieder anfängt, Luft einzuziehen, weil es wieder Angst hat. Das kennt jeder Arzt im Nachtdienst dutzendweise. Das kann man aber auch ruhiger haben. Man packt das Kind in eine Decke und geht nach draußen und zählt die Straßenlaternen oder die Sterne oder lenkt es sonstwie ab. Bei Regen kann man auch im Kühlschrank die Kühlschrankmäuse suchen. Falls das Kind bei Zimmertemperatur wieder „Luft zieht“ kann man Cortisonsaft oder Zäpfchen geben, ist aber nur selten notwendig. Auf vielleicht 10.000 Kruppanfälle kommt einer, der wirklich gefährlich ist. Den erkennt man daran, dass das Kind ganz RUHIG ist und einen mit schreckstarren Augen anguckt und sich ganz aufs Atmen konzentriert -dann Kind auf dem Arm halten und wirklich 112 rufen. Beim üblichen Pseudokrupp ist das Kind ganz aufgeregt, und hampelt rum

Danke an Katja Seidel und Danielle Graf vom gewünschtesten Wunschkind-Podcast für die Fragen und dafür, dass ihr Eltern unterstützt, die Kompetenz ihrer Kinder zu sehen - sei es beim Trotzen oder beim Fieber.

Zum Weiterlesen

Topfit für die Schule durch kreatives Lernen im Familienalltag. Hier geht es nicht nur um Schulvorbereitung. Im Kapitel "Fieber, Durst und Durchfall- Kompetenzförderung von 0-3 Jahren" schildere ich, warum ich in der Fachartzprüfung zum Kinderarzt vom "Fiebersenker" zum "Fiebernlasser" geworden bin und erzähle die Geschichte von Familie Sorgenfroh, die die Infektsymptome ihrer Tochter als Abwehrmechanismus deuten kann und dem Kind nicht nur einen Arztbesuch mit dem Risiko einer unnütigen Antibiotikagabe erspart, sondern vor alllem ihrer Tochter in der Resilienzentwicklung unterstützt - der Fähigkeit, im Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens gesund zu bleiben.

Till Reckert: Beratung zum Umgang mit Fieber und Abbau der Fieberangst  Fortbildungsartikel für Ärzte aus dem "Kinder- und Jugendarzt" 2011 mit Übersicht über Studien zur Wirksamkeit von Fieber in der Infektabwehr. In diesem Artikel habe ich erstmals von Hitzeschockproteinen gelesen, die die 3D-Struktur der Eiweisse bei erhähter Temperatur stabilisieren- die gibt es aber schon seit Jahrmillionen.

Fever and the thermal regulation of immunity: the immune system feels the heat. ("Fieber und die Wärmeregulation von Immunität: Das Immunsystem spürt die Hitze" - Übersetzung R. Dernick). Übersichtsartikel als Nature Reviews Immunology 2015 mit den Hinweisen auf die evolutionäre Konservierung des Fieber als Stimulus des Immunsystems. Der Hinweis auf die Gartenbohne und die Nager stammt aus diesem Artikel.

Ist Fiebersenkung medizinisch noch vertrebar? Ein (etwas provokanter) Vortrag, mit dem ich bereits 2010 auf die Studie von Strengell zur Sinnlosigkeit von Fiebersenkung zur Verhinderung von Fieberkrämpfen und dem (weltweiten!) statistischen Zusammenhang zwischen Paracetamolgabe im Säuglingsalter und Asthma im Kindesalter hingewiesen habe (der natürlich nicht auf Ursächlichkeit schließen lässt!)

Psychoneuroimmunologie - das Standardwerk von Professor Schubert erläutert unter anderem das Konzept von sickness behavior (Danzer, 2009) und die Regulation des Immunsystems durch den Vagusnerv (Tracey 2012). Während ich im Studium Immunsystem, Psyche, Nerven- und Hormonsystem noch als getrennte Systeme gelernt habe, die so einzeln vor sich hinarbeiten gibt es inwzischen eine Menge Evidenz, dass die 4 Systeme sehr eng miteinander vernetzt sind.  Ein Fachbuch für Fachleute. Prof. Schubert hat auch ein Buch für interessierte Laien geschrieben, das ich allerdings noch nicht gelesen habe. Was uns Krank macht, was uns heilt.