Trotzanfälle - Missverständnisse mit Folgen

Eigentlich kommen ja nicht die Kinder, sondern die Eltern in die Trotzphase. Den Babys versucht man, jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Mit steigendem Alter steigen auch die (berechtigten) Wünsche der Eltern:  Man möchte, dass das Kind abends liegen bleibt und man auch mal einen Film in Ruhe gucken kann. Man erwartet, dass es im Einkaufswagen sitzen bleibt und möchte Werte vermitteln, z.B., dass man mit Essen nicht herumwirft. Dabei kommt es naturgemäß zu Konflikten, die nicht selten in "Trotzanfällen" eskalieren. Dass das hin und wieder passiert, ist natürlich und wahrscheinlich kaum vermeidbar. Wenn Trotzanfälle sehr oft auftreten oder lange dauern (> 5-10 min), bedeutet dies für Eltern und Kinder einen enomen Stress.

Trotzanfälle verstehen: es geht nicht um das rote Bonbon, es geht um Liebe, Sicherheit und Verständnis

Stiff-face experiment - (Link im Text)

Jedes Kind ist bei Geburt und die ersten Lebensjahre hilflos und vollständig auf Erwachsene angewiesen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass man zwei Bodyguards zu Begleitung des Großwerdens erhält, die wir Eltern nennen. Das Kind ist für sein Überleben darauf angewiesen, dass diese Bodyguards seine Bedürfnisse verstehen und nach Möglichkeit erfüllen. Wenn die Bodyguards unzuverlässig oder nicht ansprechbar (z.B. am Handy) sind oder die Bedürfnisse des Kindes nicht verstehen (können), löst das eine starke Stressreaktion beim Kind aus , wie sie z.B. im still-face-experiment eindrucksvoll zu beobachten ist (Video auf englisch, nach der Einführung sieht man, wie ein fröhliches Baby innerhalb von Sekunden in tiefste Verzweiflung gerät, weil seinen eben noch lachende Mutter plötzlich emotional nicht mehr ansprechbar ist - zur Nachahmung NICHT empfohlen). Das Kind in der Trotzreaktion schreit nicht in erster Linie, weil es etwas nicht bekommt, sondern weil es sich nicht verstanden fühlt.  

Sind Sie ein Kinderversteher oder ein Erwachsenenversteher?

Welche Reaktion würden Sie sich bei der Steuererklärung wünschen - und was wäre eine gute Reaktion, wenn Eric im Supermarkt ausrastet?

Man kann sich das mit KAVE merken: Kinder brauchen dann kein Katastrophisierungen, Androhungen, Vorwürfe oder Erklärungen. KAVE klingt genauso wie cave (Lateinisch für: Vorsicht), mit diesem Wort markieren Ärzte die dinge, die ein Patient auf keinen Fall erhalten sollte.

Leider bekommen Kinder in diesen Situationen meist keine Empathie, sondern eine der vier anderen Reaktionen, wobei die Androhung des Verlassens (leider) zwar oft kurzfristig wirksam ist, aber die Vertrauensbasis des Kindes in die Zuverlässigkeit des Elternteils schwer erschüttert und dann eventuell eine chronische Stressreaktion auslöst, die sich dann in häufigen Erkrankungen, Schmerzen, Beschwerden, Weinerlichkeit etc. äußert. Die deutschen Eltern sind vor allem Erklärungsweltmeister. Dabei ist das Bewusstsein in einer Stressreaktion gar nicht in der Lage umständliche Erklärungen zu verarbeiten. 

Warum können Eltern nicht einfach empathisch sein?

Manchmal sind Eltern einfach müde und erschöpft, manchmal weiß man auch wirklich nicht, warum es jetzt gerade der grüne Wackelpudding sein muss, wo doch sonst immer der rote der Lieblingswackelpudding war. In meiner Praxis versuchen manche Eltern gar nicht erst, empathisch zu sein, weil sie glauben, dass es sich um einen Machtkampf handelt, bei dem sie verlieren, wenn sie "weich" und einfühlsam sind.

Das böse Märchen vom manipulativen Kind

Viele Menschen glauben (immer noch), dass kleine Kinder ihre Eltern manipulieren und "erziehen" wollen. Den Eltern wird von gut meinenden Verwandten und Freunden, manchmal sogar von professionellen Hilfpersonen Angst davor gemacht, die Kontrolle über das Kind zu verlieren. Diese Personen unterstellen den Kindern Absichten, die Kinder noch gar nicht haben können. Man erkennt diese Angst an Sätzen wie:

  • "dein Baby hat gar keinen Hunger, es will dich nur erziehen und immer an der Brust nuckeln"
  • "das Kind will ja nur Aufmerksamkeit" (das ist genauso empathiefrei, als wenn man einem Ertrinkenden sagt: "Der brüllt ja nur, weil er nicht untergehen will")
  • "nimm es ja nicht zu dir ins Bett, wenn es krank ist, dann bekommst du es später nie heraus"
  • "wenn du jetzt nachgibst, tanzt dir das Kind dein Leben lang auf der Nase herum"

Die Bindungsforschung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass Babys und Kleinkinder neurobiologisch und psychologisch auf KOOPERATION und BINDUNG "programmiert" sind. Wenn Babys und Kleinkinder heftig schreien, dann niemals, um dem Erwachsenen Ihren Willen aufzuzwingen, sondern, weil sie in großer Not sind und diese Not herausschreien. Niemand legt sich ohne Not mit seinen Bodyguards an, die dreimal so groß sind wie man selbst und von denen man vollständig abhängig ist.

Ein Kind zu verstehen heißt nicht, alle seine Wünsche zu erfüllen - das wäre ungünstige Verwöhnung. Aber vor der Ablenung eines Wunsches wollen Kinder oft spüren, dass ihr Wunsch verstanden wurde. DANACH kann man z.B.  gemeinsam darüber traurig sein, dass es jetzt gerade keinen grünen Wackelpudding gibt. 

Was tun beim Trotzanfall?

  1. Tief durchatmen - Ihr Kind braucht jetzt ihre Hilfe und will Sie nicht ärgern.
  2. Stellen Sie sich eventuelle Gaffer und "Kluge-Ratschläge-Geber" in der Umgebung kurz in Unterhosen vor. Und denken Sie evtl. daran, dass viele Menschen, die Ihnen jetzt Vorwürfe machen, Ihr Kind nicht "im Griff" zu haben, die Situation bei ihren eigenen Kindern mit Gewalt "gelöst" haben: "Kinder mit nem Willen, kriegen auf die Brillen"  hieß es früher. DAS WOLLEN SIE NICHT, SIE machen das besser und auch wenn Sie jetzt wie ein Versager aussehen: Sie wollen keine Gewalt und das ist SUPER von Ihnen.
  3. Versuchen Sie einen Raumwechsel, wenn Ihr Kind das zulässt - die "Supernanny" Katia Saalfrank ist mit Ihren Kindern dann schnell nach draussen gegangen - frische Luft und Abwesenheit von Besserwissern tut gut. Und wenn Sie merken, dass Sie kurz vor dem Zuschlagen sind: Gehen SIE kurz raus.
  4. ERKLÄREN SIE NICHT, warum das jetzt sein muss, das können Sie später tun, wenn das Kind sich beruhigt hat. 
  5. VERSUCHEN SIE EMPATHIE - was fühlt das Kind jetzt gerade - warum ist das Kind so verzweifelt? Manchmal brauchen Sie mehrere Anläufe, um zu verstehen, was das Kind jetzt fühlt, sie merken, dass Sie richtig liegen daran, dass sich die Körperspannung des Kindes verändert, z.B. "Du möchstest dich jetzt nicht anziehen" (Kind tobt weiter) "dir gefällt nicht, was ich rausgelegt habe" (Kind tobt weiter) "die grüne Strumpfhose kratzt dich" (Kind öffnet Augen und sieht Elternteil verheult an und entspannt sich) - dann haben Sie ins Schwarze getroffen. JETZT können Sie gemeinsam eine Lösung finden.

Und wenn "es" doch passiert ist - wenn Eltern die Nerven verloren und ihr Kind geschlagen haben?

Ob aus einem Schlag ein belastendes Lebensereignis wird oder nur eine unangenehme Episode hängt viel davon ab, ob der Erwachsene die Verantwortung für sein Tun übernimmt. Wenn man zum Beispiel als Erwachsener die Treppe herunterfällt und dabei auf sein Kind fällt, tut man dem Kind eventuell deutlich mehr weh als bei einem Klaps auf den Pampers-Po. Aber das Bedauern des Erwachsenen macht sofort klar, dass das Kind nicht mit ABSICHT geschädigt wurde - und das stellt die SICHERHEIT des Kindes wieder her. Es kann den Treppensturz als einmaligen Unfall verarbeiten und muss nicht befürchten, dass sein "Bodyguard" es demnächst wieder verletzt. Auch der Klaps oder gar die Ohrfeige werden in der Regel ja aus Überforderung ausgeteilt und nicht, um dem Kind wissentlich zu schaden. Ein Gespräch danach "Das war nicht in Ordnung, das hätte nicht passieren dürfen, es tut mir so unsagbar leid" kann den Schaden begrenzen und die SICHERHEIT des Kindes wieder herstellen.

Das krasse Gegenteil davon ist die so genannte "zweite Ohrfeige", die Kinder manchmal erhalten, z.B:

  • "Nur weil ich dein Kuscheltier noch geholt habe/weil du heute so gebummelt hast/weil..., bin ich die Treppe heruntergefallen"
  • "Weil du dich nicht hast anschnallen lassen, musste ich dich zur Vernunft bringen (heißt in dem Fall:  schlagen)"

"Du bist also selbst SCHULD daran, dass es dir weh tut". Hier fehlt die Übernahme von Verantwortung durch den Erwachsenen, das Kind wird zum Täter seiner eigenen Verletzung gemacht - das tut Kindern manchmal mehr weh als die Prellung selbst.

Wo finden Eltern Unterstützung?

Jede Stadt und Gemeinde hat eine kostenlose Beratungsstelle für alle Fragen zur Erziehung. Die Mitarbeiter dort kennen auch die regionalen Hilfsangebote wie z.B.  WELLCOME oder die Frühen Hilfen, die besonders Familien mit kleinen Kindern von 0-3 Jahre vor Ort unterstützen möchten. Der Kinder- und Jugendarzt kann auch ein hilfreicher Anprechpartner sein.

 

Eine "Tauschbörse für Kochrezepte" zur Kindererziehung sind Elternkurse, die in (kommunalen oder kirchlichen) Beratungsstellen, Volkshochschulen etc. und zumTeil auch als onlinekurse angeboten werden, z.B. "Starke Eltern - Starke Kinder", "KESS-erziehen" "Gordon Familientraining" und viele weitere.

Meine Buchtipps:

Danielle Graf und Katja Seide haben ein Buch geschrieben, dass nicht nur die Grundlagen für ein zeitgemäßes Verständnis von kindlichem Verhalten allgemeinverständlich darstellt. Sie schildern vor allem unendlich viele Alltagssituationen, in denen es schwer ist, den angeborenen "Kooperationsdrang" eines Kindes im Verhalten zu erkennen und zeigen Weg auf,  mit diesen kritischen Situationen im Familienalltag umzugehen. Ihr Blog ist mittlerweile Kult und ein wichtiges Forum, um gewaltfreie, resilienzfördernde Erziehung von Kindern zu unterstützen. Hier finden Eltern die "Kochrezepte" (siehe die Parabel vom Küchenmixer) für liebevolle Erziehung, die natürlich auf das einzelne Kind angepasst werden können und sollten.

www.gewuenschtestes-wunschkind.de

 

 

Dieses Buch (inzwischen 2009 in einer kompletten Neuauflage "Dein kompetentes Kind" erschienen) hat vor über 20 Jahren meinen eigenen Blick auf (meine) Kinder radikal verändert. Es ist kein klassischer Erziehungs-Rat-geber, eher ein Nachdenken über Erziehung. Jesper Juuls Begriff der "Gleichwürdigkeit" von Kindern hat mich nachhaltig geprägt und war eine der Grundlagen für die Entwicklung des Familienergo-Programmes.

kurze Einführung in des Wirken des berühmten Familientherapeuten Jesper Juul

 

Die Parabel vom Küchenmixer. Oder: Warum Erziehung heute so schwierig scheint.