Krebsprävention beginnt im Kindesalter!

Was wir vom Film "Der Junge muss an die frische Luft" (Kindheit von Hape Kerkeling) für die Krebsprävantion lernen können.

Im Januar 2019 hat die Forschungsministerin die "Nationale Dekade gegen Krebs" eröffnet. Jeder zweite Deutsche wird in seinem Leben mit einer Krebsdiagnose konfrontiert, ca. 40% der Patienten überleben inzwischen Ihren Krebs mit dem Preis einer chronischen Erkrankung, die Krebshäufigkeit steigt weltweit an. Die Dekade gegen Krebs möchte die Vorbeugung, die Früherkennung die Behandlung und das Leben mit Krebs verbessern - aber am Besten für die Betroffenen wäre es natürlich, keinen Krebs zu bekommen.

Die Gute Nachricht: schon jetzt wären 225.000 der jährlich 500.000 Krebserkrankungen verhinderbar.

Die schlechte Nachricht: Viele haben wir selbst zu verantworten.

ausführliche Infos in dieser DKFZ-Broschüre
Broschüre Krebsinformationsdienst DKFZ
  • 85.000 Krebsfälle/ Jahr durch Rauchen (nicht nur Lunge, auch > 10 andere Krebsarten werden dadurch begünstigt)
  • 34.000 Krebsfälle /Jahr durch Übergewicht (BMI > 25 - Details zu Übergewicht als chronische Entzündungs- und Stresskrankheit)
  • 31.000 Krebsfälle/ Jahr durch ungesunde Ernährung (z.B. durch Nitrat in der Wurst, zu kalorienreiche Nahrung)
  • 27.000 Krebsfälle/ Jahr durch Bewegungsmangel (Ausdauersport als Stresskiller stärkt das Immunsystem)
  • 10.000 Krebfälle /Jahr durch Alkoholgenuss oberhalb der Empfelungen (wahrscheinlich sind es viel mehr, da nach neuen Erkenntnisse die Krebsrate schon ab dem ersten Glas steigt - leider!)
  • 18.000 Krebsfälle/ Jahr durch Infektionen, z.b. durch HP-Viren, die durch Impfung verhindert werden könnten (bisher "Gebärmutterhalskrebsimpfung" für Mädchen, seit 2018 auch für Jungen empfohlen und seit 1/2019 Krankenkassenleistung . An HPV-induziertem Krebs an Penis, Anus und Mundschleimhaut sterben doppelt so viele junge Männer wie an Motorradunfällen.  

Natürlich geniessen viele Menschen ein Glas Wein beim Essen, ein paar Bier mit Freunden und einen Lümmelabend mit Schoko und Chips vor dem Fernseher und gerade entspannte soziale Aktivitäten könnten ein guter Schutzfaktor gegen Krebs und andere Stressinduzierte Krankheiten sein ( Roseto-Wunder). Aber wer täglich raucht, öfter mehr trinkt als er wollte oder beim Essen nur selten nein sagen kann, der kennt das Phänomen "Ich brauch das JETZT" - Nikotin, Alkohol und Magenfüllung führen zu einer (leider nur kurzfristigen) Entspannung und senken unerträglich hohe Stresslevel. Daher führen gute Vorsätze auch leider nur selten zu anhaltendem Erfolg.

Aber woher kommt der Stress? Warum kommt dem Kindesalter eine so entscheidende Rolle zu? 

Schon lange ist bekannt, dass die Stressverarbeitung in der Kindheit gelernt wird. DIe ACE-Studie untersuchte an über 10.000 Mitgliedern einer amerikanischen Krankenversichung, die regelmässig Check-Ups erhielten, den Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitsereignissen (Adverse Childhood Events) und gesundheitlichen Risikofaktoren und sah eine Dosis-Wirkungs-Kurve zwischen der Anzahl belastender (evtl. auch traumatischer) Kindheitserlebenisse und

  • Rauchen
  • Alkoholmissbrauch
  • Leber- und Herzerkrankungen
  • psych. Erkrankungen: Depression, Selbstmord
  • viele andere Phänomene, die sich auch als Versuch der Stressreduktion interpretieren lassen.

Dabei hatten nur 30% der Befragten eine ungetrübte Kindheit und berichteten über keinerlei belastende Erlebnisse. Andererseits sind auch nicht alle Menschen mit stark belasteter Kindheit erkrankt. Offenbar kommt es auf das Gleichgewicht zwischen Belastungs- und Schutzfaktoren an, damit Personen resilient gegen psychische Belastungen sind, ein Faktor davon ist eine frühe Erfahrung von Selbstwirksamkeit (->FamilienErgo!) 

 

Was folgt daraus für Betroffene Eltern?

Eine belastete Kindheit ist eine Erklärung für "unvernünftiges" und letzten Endes selbstschädigendes Verhalten und erhöhte Stressreaktionen, gerade in der Zeit der Kindererziehung. Aber es ist kein Grund, das alles so bleiben muss, wie es ist. Beratungsstellen, Elternkurse (z.B. Starke Eltern-Starke Kinder), Psychotherapie und Hilfen zur Erziehung durch das Jugendamt können Eltern unterstützen, einen entspannteren und vor allem gewaltlosen Weg mit Ihren Kindern zu gehen, damit die nachfolgende Generation es besser hat. Das Buch Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn zeigt einen entspannten Umgang auch mit den Trotzphasen. Ausdauersport (das beginnt schon mit 7500 Schritten am Tag!) ist der beste Stresskiller, er entspannt Eltern besser als Fernsehen und lässt sie Dinge gelassener sehen.

Was folgt daraus für Erzieher, Ärzte und alle, die mit Kindern zu tun haben?

Missbrauch von Kindern ist weiter ungeheur häufig, in jeder Kitagruppe, in jedem Klassenzimmer und an jedem Sprechstundentag begegnen wir täglich Kindern, die unter ungünstigen emotionalen Bedingungen groß werden - und darüber schweigen. Emotionaler, körperlicher und sexueller Missbrauch kommt in jeder Bevölkerungsschicht vor. Wir sehen Folgen erhöhten Stresses: Verhaltens- und Konzentrationsprobleme, Kopf- und Bauchweh, dauernde Infekte. Dafür gibt es sehr viele Gründe, unsere Welt scheint sich immer schneller zu drehen, aber Missbrauch ist sicher häufiger, als wir davon erfahren. 

Was können wir für Kinder tun?

  • Diese Kinder begleiten,
  • sie nicht allein lassen,
  • Kinder und ihre Symptome ernst nehmen  (Gefühle werden nicht bewertet. "Das Kind hat bis zum Beweis des Gegenteils recht")
  • ihren Eltern Unterstützung zur Stressreduktion (s. oben) anbieten,
  • soziale integration vermitteln

sind einige der Strategien zur Stärkung der Kinder.

Im Zweifel sollte man auch die "in soweit erfahrene Fachkraft" beim Jugendamt anrufen, mit der man laut §4 Kinderschutzgesetz OHNE Namensnennung auffällige Kinder besprechen kann. Ärzte,  Schwestern, MFA etc. können 24 h tgl. die Medizinische Kinderschutzhotline erreichen, um Fälle anonym zu besprechen. 

Das sind viele kleine Schritte, um bei den Kindern chronischen Stress durch das Gefühl des Ausgeliefertseins zu verhindern. Damit kann das Risiko krebsbegünstigenden Suchtverhaltens (Rauchen, Trinken, Esssucht etc.) gemindert werden. Viele Untersuchungen deuten darauf hin,  dass durch chronischen Stress alleine (also auch ohne Suchtverhalten) auf Grund der stressbedingten Unterdrückung des Immunsystems die Entstehung, die Ausbreitung/Metastasierung und die Prognose von Krebs ungünstig beeinflusst werden kann. Möglicherweise gehen noch mehr Fälle von Krebs auf die Kosten ungünstige Stressbelastung im Kindesalter.  

Krebsprävention beginnt im Kindesalter und braucht offene Augen, Sicherheit für Kinder und manchmal beherztes Handeln.

 

Fachliteratur/Quellen:

Christian Schubert: Psychoneuroimmunologie, Schattauer Verlag (S. 89 ff zu Krebsentsehung und S. 117 ff. zur Stressregulation und Dysregulation durch belastende Erlebnisse im Kindesalter)

Krebs durch Übergewicht, geringe körperliche Aktivität und ungesunde Ernährung (Deutsches Arzteblatt 2018)

Krebs durch Rauchen und hohen Alkoholkonsum (Deutsches Ärzteblatt 2018)

Krebs durch Infektionen und ausgewählte Umweltfaktoren (Deutsches Ärzteblatt 2018)

Krebs: große Potentiale in der Prävention (Deutsches Ärzteblatt 2019)