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Adipositias - wie spreche ich mit meinem Kind über sein Gewicht und was kann ich tun, um Übergewicht zu vermeiden?

Live-Talk in SAT1 mit Dr. Dernick am 9.1.2019

Neuer Beitragaus dem SAT.1-Frühstückfernsehen (09.01.2019): Übergewicht bei Kindern - Wie spreche ich mit meinem Kind über sein Gewicht? 

 

 

Fünf Tipps für ein gutes Gespräch über das Gewicht Ihres Kindes /Jugendlichen

  1. Das Kind den Zeitpunkt wählen lassen"Ich möchte etwas Wichtiges mit dir besprechen, wann hast du Zeit dafür?"
  2. Das Kind um seine Einschätzung bitten"Ich mache mir Sorgen um deine Gesundheit - fühlst du dich gut?" - "Darf ich mal was ansprechen? -  wie zufrieden bist du mit deinem Gewicht?"
  3. Die Einschätzung des Kindes ERNST nehmenund wiederholen "Ich merke, dass du dir auch große Sorgen um dein Gewicht machst" oder "anscheinend bist du im Moment damit zufrieden" (auch wenn die elterliche Einschätzung davon abweicht:  es geht nicht ums RECHT haben, sondern um sich-verstanden-fühlen)
  4. Zum gemeinsamen Handelnkommen und dem Kind dabei immer eine Wahl lassen
    • wenn Eltern und Kind übereinstimmen: "Wie kann ich dich im Abnehmen unterstützen?" (Angebote machen, wie weniger Stress, mehr Bewegung oder gesünderes Essen umgesetzt werden kann und das Kind wählen lassen, welche es nutzen möchte)
    • wenn das offensichtlich übergewichtige Kind (noch) kein Problembewusstsein hat: "Ich mache mir aber weiter Sorgen. Ich möchte, dass wir einen Termin beim Kinder- und Jugendarzt machen, da steht jetzt ohnehin eine Vorsorge an. Möchtest du das beim Arzt ansprechen oder soll ich das tun?"
  5. Eine verbindliche Absprachetreffen, z.B: "OK, wir versuchen das jetzt so, ich erinnere dich ans Wiegen 1x /Woche und wir sehen, wie sich dein Gewicht entwickelt"

Fünf Infos zur Adipositas

  1. Adipositas (krankhaftes Übergewicht) ist auch eine Stresserkrankung (Wie Stress dick macht -> s. die Geschichte von Kaniko und Insaund das Buch "Der Feind in meinem Körper" von Prof. Krüger)
  2. (übermässiges) Essen ist ein Versuch des Stressabbaus, genauso wie Rauchen, Alkohol und Fingernägelkauen
  3. Wichtiger als Apelle an die Vernunft ist zu verstehen, was den Menschen stresst und wie er/sie einen Ausgleich finden kann. Stresskiller Nummer eins ist Ausdauersport und Alltagsbewegung, 7500 Schritte am Tag sind schon Gesundheitsport.
  4. Zwischen sieben und siebzehn Jahren gibt es 4 Vorsorgen, bei denen das Gewicht kontrolliert wird: U10, U11, J1, J2, die praktisch alle von den Kassen übernommen werden. Der Arzt guckt in der Regel nicht nur auf den aktuellen BMI, sondern vor allem auf den Verlauf, um problematische Entwicklungen zu erkennen.
  5. Wir haben in Deutschland ein Übergewichtsproblem, das aber laut KIGGS-Studie nicht weiter zunimmt (aber leider auch nicht abnimmt). Viel mehr Kinder sind aber von unnötigen Sorgen über ihr Gewicht betroffen und können dadurch ebenfalls erkranken.

Fünf Tipps zur Gewichtsreduktion

  1. GEMEINSAM Essen- eine Mahlzeit ohne Fernseher und Handy, wo jeder vom Tag erzählen darf ist eine Großchance für die Gesundheit von Familien (AOK-Familienstudie) und mindert die Gefahr von Übergewicht
  2. Gemeinsam Mahlzeiten zubereiten verbessert das Sättigungsgefühl. Sattsein entsteht nicht durch vollen Bauch, "das Auge isst mit". Wenn ein paar Minuten mehr zwischen Hunger und Essen vergehen (durch FamilienErgo: Möhren schälen, Salat waschen und Dip mischen) sind Kinder besser gesättigt als durch Fastfood direkt aus dem Kühlschrank oder der Mikrowelle (Wie entsteht das Sättigungsgefühl?)

  3. Wasser löscht den Durst - der Verzicht auf Süßgetränke ist die gesündeste Art, ohne Hungern abzunehmen

  4. Zappeln und Rumrennen ist gesund.Bewegung baut Stress ab - leider funktioniert das nicht wirklich mit Medienkonsum oder Pausenverbot.
  5. Den Schulweg als Bewegung nutzen - das verbessert nicht nur den BMI, sondern auch die Konzentration in der Schule und das Abspeichern auf dem Heimweg, ist klimaschonend und vermindert hyperkinetisches Verhalten. -> die Bullerbü-Challenge

Die Bullerbü-Challenge

"Wir Kinder aus Bullerbü" ist ein Kinderbuch Klassiker von Astrid Lindgren (aktueller Film. Astrid), Bullerbü ist für viele ein Beispiel für glücklliche Kindheit. Die Kinder in Lindgrens Büchern würde man heute als "resilient" bezeichnen, verwundbar, aber unbesiegbar. Eine Kindheit in Schweden war aber kein Zuckerschlecken. Die Kinder wurden stark, weil man Ihnen zutraute, Herausforderungen zu meistern: Wäsche waschen, die Kuh einfangen, Holz stapeln. FamilienErgonennt man das heute. Und: Ihr Schulweg betrug bis zu einer Stunde, hin und zurück, die Kinder alleine durch den Wald, über glitschige Steine und breite Bäche nach der Schneeschmelze. Unvorstellbar heute, wo vor jeder Schule um kurz vor acht keine Verkehrsregeln mehr zu gelten scheinen und ängstliche Eltern auf dem Zebrastreifen parken, um ihre Kinder bis in die Klasse zu begleiten, um Ihnen auch noch das Buch aufzuschlagen, so dass viele Schulen schon "Für Eltern betreten verboten"-Schilder aufgestellt haben. Ein Schulweg von 10-30 Minuten zu Fuss oder mit dem Rad hat viele Vorteile: 

  • Bewegung im Fatburner-Puls

  • Durchblutungsförderung des Gehirns

  • optimale Lernvoraussetzungen für die Schule

  • Abbau von hyperkinetischem Verhalten

Die Bullerbü-Challenge: 

Testen Sie mal den Schulweg zu Fuss oder mit dem Rad - 3 von 7 Tagen in der Woche oder 15 Tage im Monat sind schon ein gutes Training.
Tipps für einen Schulweg, der Ihnen und Ihrem Kind Spaß macht finden Sie im Buch "Topfit für die Schule durch kreatives Lernen im Familienalltag"
IDEAL: der walking Bus oder auch pedibus.

 

Warum Stress uns dick macht - die Geschichte von Kaniko und Insa

Dies ist die Erklärung, warum Stress viele Menschen dick macht - natürlich gibt es auch (einige, aber deutlich weniger) Menschen, die bei Stress dünn werden, aber um die geht es hier nicht.

Kaniko ist das kleine Kaninchen in uns - ständig scannt es die Umgebung nach Gefahren ab und rettet oft unser Leben, lässt uns in letzter Sekunde den Fuß wieder auf den Bordstein setzen, wenn wir in Gedanken ohne zu gucken über die Strasse gehen wollten. Besonders panisch wird Kaniko allerdings, wenn man nicht fliehen oder kämpfen kann. Ein Kanichen auf einer großen Wiese, über der ein Raubvogel kreist, hat Panik und wird rennen, bis es das rettende Gebüsch erreicht hat.

Wir Menschen haben aber oft KANIKO -Stress, den "ich KAnn das NIcht KOntrollieren"-Stress, bei dem Fliehen oder Kämpfen keine Option ist. 

  • wer an einer lauten Straße wohnt, wo auch nachts ständig der RTW fährt
  • wer ständig angeschrien wird oder Lernprobleme hat, 
  •  wer mit einem unberechenbaren (Alkohol)kranken Menschen zusammenlebt, der gelegentlich gewalttätig wird, aber dann wieder verspricht, sich zu bessern,
  • wem das Geld für die Miete fehlt,
  • wer vom Chef unter Kündigungsdrohung ständig neue Aufgaben dazu bekommt

-> der lebt in dauerndem  KANIKO-Stress, und dieser Stress macht uns krank, weil wir den Stress nicht durch Muskelkraft abbauen können.

Kaniko erhöht nämlich unseren Blutzucker, damit wir besser rennen können, um der Gefahr zu entgehen. Aber das ruft Insa auf den Plan, unser freundliches Insulin. Insas Lebensaufgabe ist, es uns vor zu hohem Blutzucker zu bewahren, der auf Dauer unseren Gefäßen schadet. Wenn der Körper nicht weiß, wohin mit dem Zucker, weil die Muskeln ihn grad nicht brauchen - Insa weiß immer Rat: in Fett umwandeln und ab ins Fettgewebe damit, als Polster für schlechtere Zeiten.

Und dann schaukeln sich Insa und Kaniko hoch, wie zwei Geschwister, die immer"Nein-doch-nein!!- doch!!- NEIN!!!- DOOCH!!!!"spielen. Kaniko erhöht den Zucker - Insa kommt mit Insulin. Kaniko setzt sich auf die Insulin-Rezeptoren im Fettgewebe, ohne den Insa gar nichts machen kann (z.b. mit dem Entzündungseiweiß CrP). Insa kommt mit VIEL mehr Insulin - so viel Arme haben Kaniko und seine CrP-Freunde  gar nicht, um sie vom Rezeptor wegzuhalten. Insa gewinnt. Die Bauchspeicherdrüse kann zehnmal mehr Insulin machen als wir brauchen, da hat Kaniko erstmal keine Chance. ERSTMAL. 

Jetzt kommt Essi Kaniko zu Hilfe. Essi hat schon als Baby gelernt, dass Essen uns entspannt, das ist bei Stress genau das, was wir brauchen. Essis Lieblingssatz: "Schokolade stellt keine dummen Fragen - Schokolade versteht".Und so essen wir, gerne etwas hastiger, gerne etwas reichhaltiger als unbedingt nötig. "Siehste", sagt Insa - "hab ich doch gleich gesagt, der Blutzuckerspeigel steigt hier noch weiter, wie gut, dass ich das ganze Insulin habe - jetzt mal schnell ins Fettgewebe damit". Viele Jahre geht das so, und immer gewinnt Insa und das Fettgewebe.

Aber dann kommt Kanikos Gewinnsträhne: irgendwann sitzen so viele CrP und deren Freunde auf den Insulinrezeptoren am Fettgewebe, dass die Bauchspeicheldrüse erschöpft aufgibt - der Arzt spricht dann von Insulinresistenz und später von Diabetes. Dann bleibt der Zucker hoch, das Fettgewebe macht eine chronische Entzündung in uns, die Gefäße gehen kaputt, alles Mist. Und ein SEHR langer Weg, den jahrelangen Streit zwischen Insa und Kaniko zu befrieden. Wenn das nicht gelingt, verkürzt sich unsere Lebenszeit durch Herzinfarkt, Schlaganfall und wahrscheinlich auch Krebs.

Schade eigentlich, die Lösung wäre so einfach gewesen: Wenn es Stress gibt, dann bewege dich! 

Es gibt keine echte Entspannung vor dem Fernsehen, an der Playstation oder durch Essen, diese Dinge verlagern die Aggression von außen (den KANIKO-Stress) nur nach innen, wo letztlich das Immunsystem unsere Blutgefäße annagt, weil Flucht oder Kampf gegen den Gegner "da draussen" nicht möglich ist. So wie Nägelkauen bei Stress, nur leider an den Blutgefässen.

Viele Kinder machen es richtig: Wenn sie Stress haben, bewegen sie sich, und wenn sie viel Stress haben, werden sie "hyperaktiv". Wäre am besten, wenn man sich darum kümmern würde, was Ihnen Stress macht. Aber wir leben in einer Welt, in der immer noch Ärzte sagen "das wächst sich aus" und in der es immer noch Schulen gibt, wo Grundschüler, die in der Stunde zu unruhig waren in der Pause drin bleiben müssen. Und sehr hyperaktive Kinder mit dem Taxi zur Schule gefahren werden, wenn sie im Bus nicht tragbar sind, statt sie morgens eine halbe Stunde zu Fuß zur Schule laufen zu lassen.

Wie gut wäre eine Welt, in der Ärzte und Lehrer genug Wissen und Zeit hätten, sich um diese Kinder zu kümmern. Und Eltern bei hyperaktiven oder unkonzentrierten Kindern als erstes den Fernsehen und die Spielkonsole aus dem Fenster werfen, sich Hilfe zur Stressbewältigung holen und dann alles daran setzen, dass ihre Kinder sich mehr auspowern können. Zum Beispiel auf dem Schulweg, der zu Fuß gegangen wird. Manchmal ist die "Erste Hilfe" näher, als man denkt.

Zum weiterlesen:

  1. Sportwissenschatfler Prof Karsten Krüger aus Hannover: Krüger K. Der stille Feind in meinem Körper.Wie chronische Entzündungen uns krank machen und was wir dagegen tun können. Scorpio-Verlag, 2017.
  2. AOK Familienstudie 2010 Familienrituale und Adipositas
  3. Wie entsteht das Sättigungsgefühl? (Spektrum.de 2018)

Für Ärzte und alle, die es genau wissen wollen:

  1. Adipositas und die Entzündung des Fettgewebes (2009) 
  2. The anti-infllamtory effects of exercise: Mechanism and implications for prevention and treatment of disease. Nature Reviews Immunology | AOP, published online 5 August 2011; doi:10.1038/nri3041 
  3. Download der AOK-Familienstudie 2010  

Für die Zukunft brauchen wir zur Prävention der Adipositas:

  • eine bessere Psychoszoziale Betreuung von Schwangeren. Stark gestresste Mütter (die daher z.B. weiterrauchen) gebären unterversorgte "SGA"-Babys, die als Erwachsene oft übergewichtig sind, weil Ihre Gene in Richtung Dauerhunger verändert sind
  • Mehr Stillen -und besser bezahlte (Familien-) Hebammen, die Mütter auch in komplexen Situationen beim Stillen unterstützen können - mehrmonatiges Stillen ist ein wichtiger Schutz vor Übergewicht
  • endlich eine Ampelkennzeichnung für Lebensmittel(statt Zuckertees für Baby, die in 100 g 53 g Kohlehydrate enthalten, aber als "zuckerfrei" gekennzeichnet werden dürfen und deren Inhaltsstoffe nicht bekannt gegeben werden.
  • mehr FamilienErgo:Kindern etwas zutrauen, sie in den Alltag einbeziehen, gemeinsam Einkaufen, Essen zubereiten und verzehren macht Kinder nicht nur stark für Schule und Leben sondern verhindert auch Übergewicht.