Braucht mein Kind Ergotherapie?

Braucht mein Kind ein Heilmittel wie Ergotherapie oder Logopädie oder Krankengymnastik um sich gesund entwickeln zu können? Diese Frage stellen sich viele Eltern, wenn sich das eigene Kind anders verhält als die anderen Kinder, wenn es ungeschickter ist oder schlechter spricht. Viele Eltern sind verunsichert, wenn die KiTa oder das Gesundheitsamt Auffälligkeiten bei ihrem Kind feststellen.

Schließlich sollen alle Kinder die bestmögliche Unterstützung auf dem Weg vom Kindergartenkind bis zum erfolgreichen Schulstart erhalten. Fast alle Kinder gehen gern zur Therapie und nach landläufigem Urteil schadet die auch nicht. Wirklich??

Was macht es mit einem Fünfjährigen, der bisher dachte, dass er ein super Stuntman ist und alle zum Lachenbringt und der jetzt  - nach etlichen Vorstellungen beim Arzt und spezialisierten Zentren - zur Therapie soll? Immer mehr Eltern und Fachleute werden nachdenklich, dass heutzutage weit über 20 % der Jungen Logopädie bzw. Ergotherapie erhalten, fast alle im Alter von vier bis neun Jahren (AOK-Heilmittelbericht 2014). Die "Medikalisierung der Kindheit" ist das Schlagwort, das die Runde macht. Wollen wir wirklich jeden vierten Jungen für krank erklären? Denn für die Einleitung einer Heilmitteltherapie erfordert in der Regel einer kinder- und jugendpsychiatrische Diagnose (zu denen auch die Entwicklungsstörungen gehören), die auch der Krankenkassen übermittelt wird. "Lasst die Kinder in Ruhe" mahnt der Düsseldorfer Kinderarzt Michael Hauch.

Aber wer braucht die Therapie wirklich?

Bei vielen Kinder werden in der Kita und/oder im Gesundheitsamt Testungen oder gezielte Beobachtungen durchgeführt, die bei auffälligem Abschneiden zu großer Beunruhigung führen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn diese Untersuchungen fachkundig und mit Einverständnis mit den Eltern durchgeführt werden.  Zu beachten ist aber, dass es sich dabei um eine sogenannte "Screening"-Untersuchung handelt. Dass Ziel eines Screenings ist es, möglichst viele Kinder zu finden, die ein Gesundheitsproblem haben könnten. Erst die weitere ärztliche Untersuchung zeigt dann, ob die Auffälligkeiten tatsächlich Zeichen einer Entwicklungsstörung sind, oder ob es sich lediglich um eine Besonderheit des Kindes ohne krankhafte Bedeutung handelt.

Lange Zeit war das Vorgehen zur weiteren Abklärung zwischen den Behandlern umstritten, was viele Eltern, Pädagogen und Therapeuten verunsichert hat. Jetzt hat die Interdisziplinäre Verbändeübergreifende Arbeitsgruppe ENtwicklungsstörung (IVAN) gemeinsame Richtlinien für Ärzte zum Vorgehen bei dem Verdacht auf Entwicklungsstörung verabschiedet. Zur Arbeitsgruppe gehören Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie, der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine Ambulante Pädiatrie und des Berufsverbandes der Kinder- unnd Jugendärzte.

Bis zur Ausstellung einer Heilmittelverordnung
müssen viele Details geklärt werden.

Vor der Verordnung eines Heilmittels (Ergotherapie,Logopädie, Krankengymanstik/Physikalische Therapie) soll eine "Stufe-2-Diagnostik" in der kinderärztlichen Praxis oder im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) erfolgen. Dies umfasst in der Regel

  • Die Erhebung einer ausführlichen Anamnese, ggf. auch per Entwicklungsfragebogen
  • Einholen von Frembefunden, z. B aus KiTa oder Schule zu den Beobachtungen der Erzieher/ Lehrer
  • Die körperliche Untersuchung des Kindes
  • In der Regel eine Testung mit bestimmten, für Kinder mormierten Untersuchungsverfahren.

Nur bei besonders auffälligen Testergebnissen oder einer deutlichen Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung soll (unter bestimmten anderen Voraussetzungen) ein Heilmittel verordnet werden. Zeigt das Kind ein Testergebnis oberhalb des therapiebedürftigen Bereiches, dann sollen die Ärzte den Eltern Vorschläge zur Entwicklungsförderung unterbreiten, in jedem Fall soll die Entwicklung nach ca. sechs Monaten kontrolliert werden.

Vor der Ausstellung einer Verordnung für Ergotherapie /Logopädie oder Krankengymnastik soll der Kinder- und Jugendarzt gemäß Heilmittelrichtlinien (HMR) klären,

  • ob die Beeinträchtigung in Aktivität und Teilhabe durch die Erkrankung so ausgeprägt ist, dass die Verordnung eines Heilmittels unter Berücksichtigung aller Faktoren der ICF (International Classification of Functioning der WHO) gerechtfertigt erscheint (§3 HMR)
  • ob statt einer Therapie eine sonderpädagogische Förderung angebracht ist (§6 HMR)
  • ob das Therapieziel auch durch eine Veränderung der Lebensführung (z.B. weniger Fernsehen, mehr positive Zuwendung) oder durch Erlernen eines Hausübungsprogrammes (z.B. FamilienErgo) erreicht werden kann (§9 HMR)
  • in welchem Bereich das Kind in seinen Aktivitäten beeinträchtigt ist (z.B. Beweglichkeit, Alltagsbewältigung, Interaktion oder Verhalten,Aussprache, Grammatik etc.)

und alle weiteren der 41 Paragraphen der HMR und den Heilmittelkatalog beachten.

Was kann ich tun wenn mein Kind keine Therapie benötigt oder ich lange auf Termine zu Untersuchung warten muss?

Eines ist sicher: Kinder lernen vor allem durch eigenes Handeln. Die holländische Entwicklungsforscherin Prof. Hadders Algra von der Universität Groningen fand Erstaunliches heraus als sie alle verwertbaren Studien zum Effekt von Entwicklungstherapien auf ihre Wirksamkeit untersuchte. Das Lernen über Versuch und Irrtum (try andd error) war mit Abstand die beste Therapieform! (hier .pdf mit den Daten herunterladen)

Der Lernkreislauf.
Zeichung: Werner Tiki Küstenmacher

Das bedeutet: Solange ein Kind sich betätigt und eine Sache (Sprechen, Radfahren, Brot schmieren) immer wieder übt und in unterschiedlichen Kontexten eine Anregung und Unterstützung dazu erhält, wird es die bestmöglichen Entwicklungsfortschritte machen. Das Kind befindet sich dann im Lernkreislauf. Natürlich lernt das eine Kind das Radfahren früher und das Andere das Telefonieren. Aber das ist ja bei Erwachsenen auch so und hängt mit den Begabungen des Menschen zusammen, die ja bei allen Menschen unterschiedlich sind. Sorgen müssen wir uns um die Kinder machen, die aus Scham, Wut oder Verzweiflung gar keine weiteren Lernerfahrungen machen - diese Kinder profitieren am meisten von der Therapie, da Therapeuten Meister darin sind, die Abwehr des Kindes zu überwinden. Daher sehen die IVAN-Empfehlungen auch ausdrücklich vor, die Lebensrealität des Kindes, sein mögliches Leiden unter der Störung, die Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung und die Möglichkeiten der Förderung im Alltag besonders zu beleuchten, damit jedes Kind die passende Anregung erhalten kann.

Diese Aufzählung verdeutlicht, dass die Frage der Heilmittelindikation nicht zwischen Abhorchen und Hustensaft geklärt werden kann. Oft vergehen Wochen, manchmal Monate von der ersten Anfrage bis zur Klärung. Viele Kinder- und Jugendärzte in Deutschland empfehlen Eltern von Vorschulkindern, die selbst schon etwas zur Förderung ihres Kindes tun möchten für diese Zeit FamilienErgo. Natürlich können und sollen Sie als Eltern den Therapeuten nicht ersetzen. Aber von Ihnen kann Ihr Kind vieles lernen, was seine Wahrnehmung und Motorik fördert. Vielleicht war Ihnen bisher noch nicht bewusst, dass Sie die folgenden Entwicklungsbereiche mit "ganz normalen" Alltagstätigkeiten fördern können:

Im Familienalltag können viele Entwicklungsbereiche gefördert werden
Im Familienalltag können viele Entwicklungsbereiche gefördert werden
  • Obst schälen, Brot schmieren übt die Feinmotorik
  • Balancieren auf Baumstämmen und Bordsteinen fördert die Grobmotorik
  • Tisch decken und Telefonieren fördert Wahrnehmung  und Kognition    
  • Beim Einkaufen helfen und Selber etwas machen statt Fernsehen gucken und fördert die Konzentration
  • Selbstständiges Anziehen fördert die Bewegungswahrnehmung (Kinästetik)

Die FamilienErgo-Broschüre und das Buch "Topfit für die Schule" (Dernick/Küstenmacher) enthalten eine ausführliche Tabelle, mit welchen Betätigungen diese Entwicklungs-bereiche bei Vorschulkindern gefördert werden können.